Auszüge aus dem Tagebuch eines Großstadtsingles
Juli, noch unzählbar lange bis Urlaub
…..wenn ich Klavierspielen könnte, oder wenigstens singen und mich elegant dazu bewegen. Ob dann meine Chancen bei der holden Weiblichkeit besser wären?
Auf „normalem“ Wege führt da nämlich kein, aber auch gar kein Weg hinein. Auf meinem allmorgentlichen Weg zur brötchengebenden Tretmühle zum Beispiel, notwendigerweiße Koffein und Zuckerdrönung besorgend, werde ich entgeistert grimmig zum Tasche ausräumen an der Kasse aufgefordert. Als traue sich bei diesem Drachen etwas der verstaubten Warenschaft einzustecken.
Aber nein, stattdessen schaut der feminine Teil der Bevölkerung glubschäugig auf die zappelnde Projektion eines deutschen Hip Hoppers, aufgebaut am Hauptbahnhof zur Bewerbung eines neuartigen mobilen Endgeräts.
Ich stehe verständnislos daneben. Die Welt verblödet und wir schauen zu, ja wir lassen es einfach geschehen. Und machen so vielleicht noch mit?
Gut, die tiefenpsychologische Betrachtung dieser Tatsachen setze ich in meinem Lieblingspub fort. Vielleicht berichte ich der neuen Kellnerin mit den schlagenden Argumenten etwas von dem Zappelbruder am Bahnhof. Die letzte hat aufgehört dort, schade um die Schönheit, sie meinte es verkehre das falsche Publikum dort.
irgendwann im Frühjahr
Mist.
Mist.Mist.Mist.
Da vergräbt man sich stundenlang im Schrank um gut in verschiedenen Stapeln versteckte Dokumente zusammen zu suchen. Uralt verblichene Quittungen mit Daten zu versehen und wo zur Hölle hatte ich diese Postzettel hingeschmissen. Und das alles wegen einem Anruf.
“ Junge ? Hast du deine Steuerunterlagen schon zusammen und abgegeben ?….“
Äh, ja klar Mutti. „Gut, dann bringe ich meine Unterlagen nächste Woche hin.“
Damit war mein Wochenende verplant.
Und nun fahre ich seit 2 1/2 Stunden durch die idyllische Speckgürtelpampa (kann der Mann nicht in eine vernünftige Gegend ziehen?) und suche das zu Hause des Steuermenschen.
Wo war das doch gleich, mensch das ist doch auch schon drei Jahre her. Ich werde alt.
Zwei Vorstadtschönheiten in rosa Kampfanzügen nach dem Weg gefragt und festgestellt, ich bin im falschen Pampateil. 3 h 20 – geschafft. Ich drücke der Angetrauten des Steuermenschen die Unterlagen in die Hand. Mit gekonnten Blick erspäht, fragt sie…“ 2006,2007 und 2008?“
Errötend murmle ich, „ja bitte“ in meinen Wochenendbart. Bäh, wie ich das hasse. Und das, obwohl da garantiert wieder unterm Strich nichts rumkommt.
Hoffentlich ist Mutti nicht doch schon hier gewesen. Ich geh mir jetzt ein Bierchen von dem Geld, das ich vom Staat nicht zurückbekomme hinter die Binde kippen. Und nächstes Jahr hole ich mir diese Steuer-CD von dem großen Discounter. Bestimmt. Ganz sicher. Ehrlich.
1. Advent
Also wenn’s nach mir geht, könnt ich Single bleiben.
Drei Weihnachtsmärkte hab ich dieses Jahr vor mir,
mit verschiedenen Frauen, den ersten gestern abend.
Mein Adventsengelchen schnappte ich mir vor der Uni auf,
kirrebunt vermummelt in einem Michelinmännchenmantel versteckt,
hüpfte sie und ich hinter her auf den örtlichen Kleinstadtweihnachtsmarkt.
Dieser war keineswegs nur weihnachtlich, nein -damit hätte man nie die vor 20 Jahren angeschafften Buden vollbekommen- nein, hier versammelte sich Fleischer, Bäcker, Schmied und die Fachfrau zur Herstellung von orthopädisch angepassten Schuhen in liebevoll ausdekorierten, leicht modrig riechenden Holzkisten.
Mein Verstand zog mich zum erstbesten Glühweinstand….. „ mit Schuss oder ohne?“ …. suchend blickte ich mich nach meinem Michelinmännchen um, die in kindlicher Verzückung mit den weihnachtlich geschmückten Schuhen spielte….“mit natürlich, haun se rein was Sie finden können“ motivierte ich die freundlich ausschauende Fleischersgattin.
Sie gibt ihr Bestes. Ich tue das einzig Richtige und verleibe mir, neben diversen Glühweingläsern, eine nahrhafte Rindswurst, einen gesunden kandierten, vollrotklebrigen Apfel, Pommes und Zuckerwatte ein.
Satt und angeheitert denke ich: jaaaaaa Weihnachtsmarkt.
Der Alkohol bringt meine Wangen zum glühen, die ihren glühen auch, nicht etwa wegen mir nein, sie hat Weintrauben mit rosa eingefärbter Glasur entdeckt – und das mit 24! -
Verzweifelt versuche ich ein weiteres Mal Konversation mit meinem Michelinmännchen aufzunehmen, während sie mit Zuckerstangen sich ergötzend mich verklärt anschaut, gieße ich mir den mittlerweile 6. Glühwein hinter die Binde, gebe ihr zwei glitzernde Kugeln zum spielen und es für diesen Abend auf.
Ich habe ja noch zwei Chancen dieses Jahr.
Freitag, 04. November
Freitag, endlich Wochenende…..und es fing so schön an. Livemusik in meinem Lieblingspub, das Bier hatte die richtige Temperatur – ich liebe es wenn das Glas außen beschlägt – und eine äußerst entzückende Rückenansicht, die mich dazu brachte meinen Stammplatz in Richtung Bar zu verlegen.
War es das 5. Bier oder die Musik, ich weiß es nicht. Nach weiteren gefühlten Ewigkeiten, rückte ich ihr näher um festzustellen, dass diesem Rücken ein ganz passables Gesicht angeschraubt war.
Ich musterte musikversunken dieses immer unwirklichere Wesen und legte mir einen kühnen Plan an Smalltalkthemen zurecht, die Interesse und Intelligenz vortäuschen sollten.
Noch ein Bierchen und ich startete die gepflegte Unterhaltung….. böser Fehler, denn dieses passable Gesicht öffnete den Mund und
hatte eine Stimme, wie ich sie mir bei „Hello Kitty“ auf Extasy vorstellen würde. Keine Chance also. Jeder noch so versteckt romantische Gedanke war schrill hinweg gefegt. Wenn ich mir vorstelle dieser Frau schlaftrunken zu begegnen, es hätte quasi kein Wecker erfunden werden müssen. Mit etlichen weiteren Bierchen trank ich mir die Musik laut und unterhielt mich auf unterstem Smalltalk Niveau bis weder der Rücken noch ich gerade auf dem Barhocker sitzen konnten und –endlich- jeder seiner Wege ging.
Warum eigentlich immer mir? In einer Stadt in der der Wahrscheinlichkeitsrechnung nach knapp 330000 weibliche Menschen zugegen sein sollten, treffe ich immer auf solche Exemplare…..naja schönes Wochenende noch.
17.02.
36 ist doch nicht alt, oder etwa doch?
„…. man ist so alt wie man sich fühlt…“ hallen die Worte meines Vaters in meinem leeren Oberstübchen. Ich würde bestimmt auch so etwas behaupten, wäre ich bereits so alt wie er.
Bin ich aber nicht.
Woran, zur viel zitierten Hölle, macht man denn das bitteschön fest? Vielleicht daran, dass ich Lieder kenne, die keiner mehr kennt? Dass mir Fremde, weil ich schwarz angezogen bin, unterstellen, jemand sei gestorben und mir eben keine Lebenseinstellung mehr zugestehen.
Vielleicht auch, weil mir manche Sachen im alltäglichen Leben missfallen, die mir vor Jahren echt scheißegal gewesen wären? Vielleicht auch einfach daran, dass die Haare am Kopf den Gedanken weichen.
Andererseits hat diese Form des Alters doch auch Vorteile: Nach einem weiteren 10 Stunden Tag Fronarbeit in den ergebenen Diensten eines herz- und emotionslosen Ausbeuters braucht es bei weitem weniger Alkohol um besoffen zu sein. Umgekehrt sinkt der Anspruch an das Aussehen der Angebeteten (und Mittrinkenden) mit dem schnell steigenden Alkoholpegel, so kann ein Wochenende auch vorbei gehen….
Ich hab den Spiegel an der Gardarobe abgeschraubt. Nein, dadurch werde ich nicht jünger.
Aber ich muss mir das Elend ja nicht ansehen.
Aber 36 ist nicht alt, oder?



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